Friedrich Kayser

Friedrich Kayser - 

Ein Pazifist und Vorkämpfer der deutschen Widerstandsbewegung

von Hein Herber, zur Zeit Lehrer am "Werkplaats, Kindergemeenschap-Bilthov"

Unter den deutschen Pazifisten, die auch nach Hitlers Machtübernahme nicht verzweifelten, sondern an ihrer Überzeugung festhielten und darüber hinaus weite Kreise zum Ausharren anspornten und den Verfolgten zu helfen suchten, steht Friedrich Kayser in vorderster Reihe. Mit wenigen Worten sei im Folgenden ein Bild seiner edlen Persönlichkeit und seines vorbildlichen, tapferen Verhalten gezeichnet.

Friedrich Kayser
wurde am 5. März 1894 in einem kleinen Dorf bei Schwerte an der Ruhr geboren. Sein Vater lebte in einfachen Verhältnissen (er war Schumacher), ließ aber seinen beiden Kindern eine gute Erziehung zuteil werden. Friedrich fiel das Lernen leicht, und so entschloss er sich dazu, Lehrer zu werden. 1914 wurde er als Soldat eingezogen, machte den ganzen Krieg im Osten mit, wurde verwundet und dekoriert. Am Ende des Krieges machte ihn sein Regiment zum Vorsitzenden des Soldatenrats. Erst 1919 kam er nach Hause zurück, ohne einen Mann und ein Stück seiner Ausrüstung verloren zu haben.

Dass er links stand, dass er gegen den Krieg war, dass es anders werden musste, das alles wusste Kayser sofort. Aber es bedurfte für ihn sowie für die jungen Menschen seiner Generation einer großen geistigen Anstrengung und Dankbarkeit, bis er sich von allen Vorstellungen des Wilhelminischen Zeitalters gelöst und sich ein neues Weltbild geschaffen hatte. Dann aber schloss er sich der deutschen Friedensbewegung an, die damals in Westdeutschland unter der Leitung von Fritz Küster nach neuen Wegen suchte. Man bemühte sich, stärker als bisher, die Arbeiterklasse für den Pazifismus zu gewinnen, ohne den der Sozialismus doch stets wieder in einem Schützengraben endete, und umgekehrt wünschte man dem Pazifismus ein mehr sozialistisches Fundament zu geben. In ideologischer Hinsicht war übrigens der Einfluss von Friedrich Förster unverkennbar.

Von keinem der Männer, die damals die von Fritz Küster herausgegebe Zeitschrift "Das andere Deutschland" und seine Politik leiteten, ist der Anteil so schwer festzustellen als der Friedrich Kaysers. Freiherr von Schonaich, der Präsident der deutschen Friedensgesellschaft, pflegte den Generalstabschef zu nennen. Ich möchte sagen, dass wenn Küster der Kopf der Bewegung war, dass dann Kayser als Herz angesehen werden könnte. Aber auch das ist nicht erschöpfend. Denn wenn auch Kayser durch seine Verbindlichkeit, seine Herzensgüte, die stille, nie versagende und nie müde werdende Treue und Begeisterung immer wieder der Bewegung neue Freunde erwarb und behielt, so muss doch andererseits betont werden, dass kein wichtiger Plan gefasst, kein bedeutsamer Artikel veröffentlicht wurde, der nicht erst durch Kaysers Hand gegangen war.

Dabei war er aber dieser seine ganze Kraft erfordernden Tätigkeit auch noch ein ausgezeichneter Lehrer, an dem die Kinder hingen und der weder unter den Eltern noch unter den Kollegen Gegner besaß.

Als die Nazis zur Macht kamen, wurde Kayser nicht gleich verhaftet. Er galt als der beste Lehrer des Bezirks, und man gab sich Mühe, diesen Mann für sich zu gewinnen. Kayser konnte sich völlig frei bewegen. Man hatte das Gefühl, dass ihm nichts passieren konnte. Als gleich zu Beginn der Sekretär des Westdeutschen Landesverbandes der Friedensgesellschaft, August Bangel, verhaftet wurde, ging Kayser ins Hauptquartier der SA in Bochum zum obersten Chef. Und so stark, so bezwingend war die Kraft seiner Persönlichkeit, sein merkwürdiger Freimut und die unbefangene Sicherheit seines Auftretens, dass Bangel noch am selben Tag entlassen wurde.

Später wurde Kayser dann doch verhaftet, wenn er auch mit der größten Rücksicht behandelt wurde. Ich habe damals im Hause Kayser alles mitgemacht. Seine Frau litt grenzenlos unter dem Ereignis. Sie wusste, dass ihr Mann sich nicht schlagen lassen würde. Jeden Augenblick konnte etwas geschehen. Wider alles Erwarten wurde Friedrich Kayser entlassen, um sogleich mit der illegalen Tätigkeit zu beginnen. Für Kaysers Frau aber war die geistige Belastung dieser Zeit zu groß. Was damals im Sommer 1934 geschah, ist für uns alle, die zu dem Freundeskreis Kayser gehörten, das schrecklichste Ereignis unseres Lebens geworden. In einem Zustand furchtbarer Depression nahm Frau Kayser sich mitsamt ihrer beiden Kinder das Leben. Die beiden Mädels 8 und 13 Jahre, klug, tüchtig und bescheiden und von einem seltenen Adel des Wesens, hatten wir alle mehr als unser eigenes Leben geliebt. Wie Friedrich Kayser aus eigener Kraft und unter Einfluss der Liebe und des Flehens seiner Freunde den Weg zurück zum Leben fand, war ein unbegreifliches Wunder. Niemals werden wir alle den letzten Gang zum Friedhof vergessen können. Von allen Seiten waren die Freunde, von denen keiner von Verhaftung sicher war, zusammengeströmt. Tausende Menschen, weinend, mit düsteren Gesichtern, umsäumten den Weg. Friedrich Kayser ging zwischen uns, bis an das Grab. Grenzenloses Leid demonstrierte gegen die Zeit, und die Tausende schienen zu ahnen, dass sie selber einmal alle diesen gleichen Leidens- und Leidesweg würden gehen müssen.

Mit dem Tode als Bundesgenossen hat dann Kayser seine politische Tätigkeit wieder aufgenommen. Er hat auch in größeren Verbänden und Aktionen mitgearbeitet. Eine spätere Zeit wird festzustellen haben, welche Rolle er in der Widerstandsbewegung während des Krieges auch im Zusammenhang mit der Generalsrevolte von 1944, der "Union sozialistischer Parteien Großbritanniens" usw. gespielt hat. Aber viel wichtiger als das Zusammenwirken in größerem Rahmen war ihm die rein persönliche, menschliche Arbeit. Kaysers wichtige Rolle bestand zunächst darin, den Widerstandsgeist wach zu halten. Unermüdlich reiste er von einem zum anderen. Mehr als durch Gründe und Überzeugungskraft stärkte und tröstete er die Menschen durch seine bloße Gegenwart. Man war ihm dankbar für die Güte, die alle seine Worte und Handlungen durchstrahle. Ein jeder führte in seiner Gegenwart das Glück, den Stolz, die Dankbarkeit, mit ihm zusammen allein stehen zu müssen und zu dürfen – gegen ein ganzes Volk und für Gedanken und Ideen, die das Beste des Einzelmenschen verbanden mit den höchsten Gütern der ganzen Menschheit. Dabei ging er mit einer Offenheit zu Werk, die uns oft entsetzte. Aber auf eine geheimnisvolle Weise wirkte seine Art so auf das Beste im anderen, dass er auch die größten Schufte entwaffnete oder wenigstens unsicher machte.

Neben der Stärkung des Widerstandsgeistes widmete er sich noch einer anderen Aufgabe. Wo es sich darum handelte, Verfolgte zu retten, die Mittel zur Flucht aufzubringen, verfemte Juden vor sicherem Tode zu bewaren und ihnen womöglich ins Ausland zu verhelfen, war Friedrich Kayser zur Stelle. Vor ein paar Wochen bekam ich einen Brief von der früheren Vorsitzenden der Deutschen Friedensgesellschaft, Ortsgruppe Nürnberg, Frau Frida Bernhard, aus Sidney (c/o Diamant u. Cie, 393 George Street, Callaghan), in Australien, einen Brief voll fassungsloser Trauer um den Tod des unersetzlichen Friedenskämpfer und Freundes. Sie schreibt darin unter anderem, wie Kayser 1938 in einem entscheidenden Augenblick auf seinem Motorrad zu ihr nach Nürnberg kam, um sie zu warnen, wie sie dann später, als sie nicht über die Grenze konnte, von Friedrich Kayser und Li Gersdorff abgeholt und mit nach Dortmund genommen wurde, wo sie mit den Freunden einige unvergessliche Tage und Nächte verbrachte, ehe sie auf die große Reise ging.

Nur mit tiefer Ergriffenheit kann ich heute, nachdem der wilde Lärm verstummt ist, an das Haus des Vorsitzenden des Dortmunder Zweiges der Friedensgesellschaft, Wil Gersdorff und seiner Gattin Li Gersdoff denken, bei denen Friedrich Kayser und seine Freunde immer willkommen waren, nicht zuletzt um Aktionen vorzubereiten, Juden zu verbergen, sie mit Lebensmitteln zu versehen usw. In diesem Gartenhause brannte, inmitten des allgemeinen, blutigen, schmutzigen Rauschens die stille Flamme der Menschlichkeit. Hierhin kamen die Menschen und ihre Briefe mit ihrer verzweifelten Ratlosigkeit und ihrem herzzerbrechenden Leid. Hier fanden sie Trost bei Menschen, die schon jenseits des Todes standen und für das Leben nur noch ein Gleichnis waren.

Die letzte Sorge von Friedrich Kayser und Li und Wil Gersdorff galt dem halbjüdischen Adoptivkind der Gersdorff. Während in jeder Nacht Tausende englischer Bombenwerfer Feuer über die Städte des Ruhrgebiets gossen, gingen zwar viele Akten, die zur Verfolgung von Juden usw. bestimmt waren, zu Grunde. Aber immer suchten im Morgengrauen Beamte, die vielleicht noch nicht einmal an der Sache selber interessiert, sondern nur von Begriffen wie Statistik, Termin, Dienstweg, Erfassung usw. besessen waren, unter den rauchenden Trümmern die noch unversehrten gebliebenen Akten hervor, um ihr Tagespensum erledigen zu können. Am 12. März 1945 sollte der entgültige Ablieferungstermin für das Pflegekind der Gersdorff sein. Kayser war aus Essen herübergekommen, um mitzuhelfen, das Kind gut zu verstecken. Das gelang dann auch. Aber in der auf den 12. März folgenden Nacht wurde das stille Gartenhaus in der Dortmunder Gartenstadt von einer englischen Bombe getroffen. Friedrich Kayser, Li und Wil Gersdorff fanden dabei den Tod. Das Kind freilich blieb in seinem Versteck unversehrt und auch die Mutter von Li Gersdorff wurde gerettet.

Was bleibt den Zurückbleibenden? Trauer und Tränen, aber auch ein großes Bild. Das verpflichtende Vorbild eines unbeugsamen Streiters für eine bessere und glücklichere Menschheit. Und das tröstende Beispiel eines edlen Menschen im Goetheschen Sinne, eines jener "unbekannten höheren Wesen die wir ahnen", dessen Sterben und Leben es uns möglich macht, an das Göttliche in Menschen zu glauben.

 

Zum Gedenken an Friedrich Kayser, einem Schwerter Antifaschisten

von Ernst Sadowski - VVN Bund der Antifaschisten, Ortsgruppe Schwerte

Der Lehrer Friedrich Kayser war ein Bürger unserer Stadt. Er war ein Kämpfer für den Frieden und ein Gegner des Hitlerfaschismus. Er war Friedenskämpfer und Antifaschist. Vor über 50 Jahren folgte er der Einsicht: "Wer Hitler wählt – wählt den Krieg!"

Er kannte die Gefahren des Krieges und wollte die Auswirkungen einer modernen militärischen Auseinandersetzung in Europa für Deutschland verhindern. Er war davon überzeugt, dass mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Hindenburg, die Grundlagen für den 2. Weltkrieg gelegt wurden.

Erst wurde der Krieg gegen das eigene Volk geführt. Bis Mitte März 1933 wurden über 20.000 Menschen verhaftet und über 5.000 Menschen getötet. Auch Friedrich Kayser wurde oftmals verhaftet und eingekerkert. Seine Arbeit als Pädagoge an einer Schwerter Schule musste er aufgeben, er wurde von den Nazis aus dem Schuldienst entfernt. Wegen seiner demokratischen Gesinnung wurde er von den Hitlerfaschisten gehasst und verfolgt.

Dieser Hass, die dauernde Verfolgung, die Diskriminierung und der politische Terror der Hitlerfaschisten trieben seine Frau und die beiden Töchter in den Freitod.

Der Friedenskämpfer Friedrich Kayser hat die Auswirkungen des 2. Weltkrieges miterlebt. Kurz vor dem Ende des Krieges kam er bei der Bombardierung der Stadt Dortmund ums Leben.

Friedrich Kayser blieb in der gesamten Periode der schrecklichen Naziherrschaft ein Kämpfer für den Frieden und ein aufrechter Antifaschist.

Er trat ein für einen antifaschistischen, sozialen und demokratischen Staat und für eine Demokratisierung der Gesellschaft.